Liebes Ehepaar Todtenhausen, liebe Angehörige von Julia, liebe Kinder aus der 3c und alle, die mit Julia in Freundschaft verbunden waren.

Da ist niemand unter uns, der nicht erschrocken war, als die Nachricht von Julias Tod so plötzlich und mit so großer Macht über uns hereinbrach.

Da ist niemand unter uns, der nicht herausgerissen worden wäre aus seinem Alltagsleben. Seit diesem Mittwochmorgen ist für jeden von uns ganz plötzlich alles ganz anders geworden.

In wie vielen Köpfen sind seit Mittwoch die Gedanken unterwegs gewesen und haben nach der letzten Begegnung mit Julia gesucht.

Jede Begegnung bekommt ein anderes Gewicht. Wir spüren, wie jedes Wort, das wir uns zusprechen, jeder Gruß, den wir uns von der einen Straßenseite zur anderen zurufen, der letzte sein könnte.

Da sind so viele Tränen geweint worden. Da ist so viel Traurigkeit in uns allen.

Auch Angst ist in diesen Tagen dabei gewesen - auch in mir. Angst vor dieser Stunde jetzt, vor den Minuten an diesem Sarg. Angst vor dem Weg, den wir gleich gehen werden aus dieser Halle heraus.

Doch ich bin neben aller Trauer, allem Schrecken, aller Angst in einer seltsamen und schönen Weise auch getröstet.

Ich bin getröstet durch die Gespräche, die wir miteinander hatten, liebes Ehepaar Todtenhausen. Ich bin getröstet durch die Klassenkameraden, die ihre Freundschaft zu Julia in so liebevoller Weise ausdrücken konnten. Ich bin getröstet durch die Verbundenheit, die so viele Menschen in so aufrichtiger Weise Ihnen, den Eltern entgegenbringen. Ich bin getröstet, weil es uns gelingt, miteinander zu trauern. Das ist ein hohes, hohes Gut.

Niemand hat es sich so gewünscht. Lieber wären wir jetzt in der Schule oder bei der Arbeit oder beim Einkaufen. Und doch ist es, nach allem, was passiert und nicht mehr zu ändern ist, jetzt gut, dass wir zusammen sind, weil wir in dieser Stunde auch zusammengehören. Nur gemeinsam können wir uns vergewissern. Und nur gemeinsam können wir Wege finden, um mit diesem Sterben zu leben.

Wir gehören zusammen und niemand von uns ist jetzt alleine. Das schenkt mir Ruhe und das hilft mir auch, Worte zu finden, wo eigentlich nur Schweigen wäre und es hilft zu hören, wo eigentlich nur Raum wäre für eigene Gedanken.

Ja, unsere Gedanken! Sie sind bei Julia. Wir sehen sie vor uns beim Spielen oder in der Schule, beim Sport oder auf der Straße, in ihrem Zimmer oder auf dem gemeinsamen Schulweg.

Wir denken zurück an ihre Freundlichkeit und ihre Fröhlichkeit. Wir erinnern uns, dass sie auch ein Kind mit ganz viel Selbstvertrauen und einem starken Willen war.

Dass sie einen ganz festen Platz in der Klassengemeinschaft hatte und eine gute Freundin für viele von euch Mädchen und Jungen war, dass konnte ich spüren, als ich am Donnerstag bei euch in der Klasse war. Beim Ballett und wo auch immer wird es nicht anders gewesen sein.

Wisst ihr, liebe Kinder und liebe Angehörige - das möchte ich euch gerne sagen: was wir an Gutem und Schönem mit diesem Menschen erlebt haben, das kann uns niemand wieder wegnehmen. Wir können es nicht wiederholen und noch einmal erleben. Doch alles, was war, das tragen wir weiter in unseren Herzen und das wird dort immer einen ganz festen Platz behalten. Julia wird dort ihren Platz behalten.

Doch nicht nur in unseren Herzen lebt sie weiter. Sie, liebes Ehepaar Todtenhausen, haben sich gewünscht, dass die Taufkerze von Julia heute Morgen hier brennt.

Zum ersten Mal brannte sie, als Julia am 31. Juli 1994 in der Christuskirche von Pastor Greiling getauft wurde.

Was auch immer unsere eigene, ganz persönliche Einstellung zu Gott und dem Glauben an ihn ist - ob wir an ihn glauben oder nicht glauben können - ob wir mit ihm rechnen oder nicht rechnen - ob wir ihn verstehen oder nicht verstehen können -

für Sie, die Eltern von Julia ist eins ganz, ganz wichtig: nämlich, dass für Julia selbst Gott keine Idee war, keine Erfindung von uns Menschen, sondern Wirklichkeit. Die Christuskirche, so habe ich Sie, liebe Eltern verstanden, das war ihre Kirche.

Ich bin Pastor. Und meine Aufgabe ist es, über Gott zu sprechen.

Manchmal fällt es mir sehr schwer, über Gott zu sprechen. Heute ist so ein Tag, an dem es mir schwer fällt. In dem, was am Mittwoch passiert ist, kann ich Gott nicht nicht erklären. Ich kann ihn auch nicht verteidigen oder in Schutz nehmen.

Ich wünschte mir, er würde sich uns erklären. Und ich hoffe, dass er das eines Tages auch tut und uns sagt, an welcher Stelle er denn am Mittwoch für Julia und für uns alle der gute Hirte war.

So lautet der Taufspruch von Julia: "Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln." (Psalm 23,1)

Ich bin mir mit den Eltern von Julia einig, dass wir trotz unserer Fragen einen Moment bei diesem Bibelwort bleiben und nachspüren, was es mit Julia zu tun hat.

Wenn wir das tun, dann wird uns je länger wir es tun um so deutlicher, dass dieses Wort tatsächlich stimmt. "Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln." So lange das Leben von Julia währte - so lange es währte, stimmt dieses Wort vom ersten bis zum letzten Augenblick!

Julia hat in den neun Jahren ihres Lebens an jedem einzelnen Tag so behütet, so beschützt und so geliebt gelebt, wie manches Kind es sich nur ersehnen kann.

Julia hat eine Mutter und einen Vater gehabt, die sich ihrer Bedeutung als Eltern voll bewusst waren. Julia hat Eltern gehabt, die ihrem Kind alles, alles gegeben haben, was Eltern einem Kind nur geben können.

Es hat Julia wirklich an nichts gemangelt. Für das Leben von Julia stimmt der Psalm 23 voll und ganz und nichts von dem, was er bedeuten könnte ist in ihrem Leben unerfüllt oder offen geblieben.

Und der 9. Juli, der vergangene Mittwoch?

Euch, den Mädchen und den Jungen aus der Klasse 3c bin ich am Donnerstag die Antwort auf eine Frage schuldig geblieben. Auch die Eltern von Julia möchten, dass ich sie euch jetzt beantworte. Als wir zusammen in der Christuskirche waren, fragtet ihr, ob Julia gelitten habe.

Ich darf euch versichern, dass Julia nicht gelitten hat und dass sie nichts gespürt hat. Sie war auch nicht traurig als sie starb, sondern sie ist als das glückliche Mädchen gestorben, als das ihr sie kanntet.

Bis zum allerletzten Augenblick war Julia eine fröhliches Kind gewesen. Und wenn es irgendjemanden gibt, dem ich deshalb danken könnte," so haben Sie, lieber Herr Todtenhausen in einem unserer Gespräche gesagt, dann möchte ich ihm dafür danken, dass sie aus eine glücklichen Gemeinschaft heraus starb."

Vielleicht - vielleicht ist in allem Leid und in aller Trauer das der Punkt, für den es Gott zu danken gilt.

Es ist so: für das gemeinsame Leben mit Julia können wir nur danken. Für unsere Erlebnisse und Erfahrungen mit ihr können wir nur danken.

Dass wir mit ihrem Sterben leben können, dass wir es lernen, mit ihrem Sterben zu leben, darum können wir nur bitten. Nach allem, was ich über Julia in diesen wenigen Tagen erfahren habe, glaube ich, dass sie es sich so wünschen würde.

Wichtig ist aber, dass wir beieinander bleiben und dass wir uns weiterhin die Treue geben, die in all den gemeinsamen Jahren das Leben ausmachte.

In der Tatsache, dass Julia sterben musste, fällt es mir schwer, in Gott den Hirten zu erkennen.

Trotzdem möchte ich und kann ich auch mit dem Gedanken schließen, mit dem der Psalm 23 endet. Da heißt es im letzten Vers: "Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar."

Da nun bin ich mir gewiss: so wie das Leben von Julia ein gutes Leben war, so glaube ich sie nun geborgen in Gottes Händen.

Der alte Kirchenvater Augustin hat einmal gesagt: "Unsere Toten sind nicht abwesend sondern nur unsichtbar. Sie schauen mit ihren Augen voller Licht in unsere Augen voller Trauer."

Amen.

Und der Friede Gottes, der höher ist als unser Verstehen, bewahre unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus. Amen.

Pfr. Rainer Schumacher

14. Juli 2003

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