Wir hatten uns schon einige Zeit ein Kind gewünscht, wurden aber durch zwei Fehlgeburten enttäuscht, Eltern zu werden. Am 6. Januar 1994 erfuhren wir dann das Ergebnis einer Fruchtwasseruntersuchung. Das Kind sei gesund hieß es und es würde ein Mädchen werden, soviel stand schon fest. Wir suchten den Frauenarzt auf, um uns über den Verlauf der Schwangerschaft zu erkundigen. Sein Befund:"Alles in Ordnung." Unsere Vorfreude war riesengroß. Julia erblickte dann am 25. Mai 1994 um 20:40 Uhr im Schwelmer Krankenhaus Martfeld das (Abend-) Licht der Welt. Sie wog bei der Geburt 3.600 gr. und war 56 cm groß.

 

 

   

Es war ein aufregender Tag für uns alle Drei. Julia musste mit der Geburtszange geholt werden, da ihr kleines Herz immer zaghafter klopfte. Ich, als Papa, durfte sie als erster vorsichtig baden und abtrocknen und war ganz stolz darüber. Ihre Mama bekam später noch einen Kreislaufkollaps. Trotzdem waren wir unbeschreiblich glücklich an diesem Tag.
 

Mit einem Schlag stellte sich unser gesamtes Leben völlig um. Durch sie änderte sich unser kompletter Tagesablauf, die Interessen und Gesprächsthemen und es erschloss sich für uns ein völlig neuer Freundeskreis. Julia wurde zu unserem Lebensmittelpunkt. Wo immer sie auftauchte, war sie schon sehr früh der Sonnenschein.



In den Kindergarten ging sie anfänglich nicht so gerne, war aber stolz darauf, als sie später beim Mittagstisch auf die jüngeren Kinder achten sollte. Die Erzieherinnen meinten am Ende, dass sie bestimmt mal eine gute Schülerin sein würde. Das bewahrheitete sich auch in den folgenden Jahren.

In die Schule ging sie von Anfang an sehr gerne. Sie lernte dort auch viele neue Kinder kennen, die sie mal mehr, mal weniger, und je nach Tagesform als ihre beste Freundin oder besten Freund bezeichnete. Sie fühlte sich dort immer wohl und lernte auch sehr gerne. Schon früh hatte sie Schwimmen gelernt und war später stolz darauf, dass sie besser schwimmen konnte als ihr "Daddy".

 

Oft wurde über sie gesagt, dass sie sehr hilfsbereit sei und bei Streitigkeiten in der Klasse den Ausgleich suchte. Einmal kam sie nach Hause und erzählte, dass ein Kind den Lehrer gefragt hätte, wie denn die Farbe Gold aussehen würde. Er beantwortete die Frage so: "Schaut euch die Haarfarbe von Julia an...... das ist Gold." Julia war ein Mädchen wie es im Buche stand... sie liebte Pferde... Ketten, Tücher und Ringe... und BARBIE. Am liebsten malte sie... bastelte gerne... hörte jeden Tag Bibi und Tina... verkleidete und schminkte sich gerne... wie gesagt eben ein Mädchen.

Seit August 2002 hatte sie ein Meerschweinchen, dass sie "Schnuppi" nannte. Als sie erfuhr, dass Meerschweinchen nur 8 Jahre alt werden war sie ganz erschrocken und traurig darüber. Ich sagte ihr nur, dass "Schnuppi" bei der guten Pflege bestimmt viel älter werden könnte. Dann war sie beruhigt.

 

Als Julia 2 Jahre alt war, hatte ich damit begonnen eine Familienchronik zu schreiben und stellte Ahnenforschungen an. Es gelang mir einen lückenlosen Nachweis bis in das Jahr 1600 zu erstellen. Julia sah sich diese Chronik oft an und setzte sich dadurch schon recht früh mit dem Leben und Sterben auseinander. Sie fand es einfach schön, dass sie später ihren Kindern auch einmal aus ihrem Leben vorlesen könnte.

 

Als die No Angels ihre Karriere starteten, entdeckte sie ihre Lust zum Tanzen und Singen. Oft war sie in ihrem Zimmer und bemühte sich, bei entsprechender Musik und mit einem Mikrofon in der Hand, die Bewegungen und Mimik zu perfektionieren.

 Julia war kein Kind das einfach raus ging um zu Spielen. Sie lud ihre Freundinnen bzw. Freunde ein oder ging zu ihnen hin. Das war ihr am liebsten, da hatte sie keinen Stress und fühlte sich immer wohl dabei.

Ihren 9. Geburtstag feierten wir mit ihren besten Freundinnen und Freunden in einem Hallenspielplatz. Wir alle ahnten ja nicht, dass es ihr letzter Geburtstag sein würde.

Am 23. Juni 2003 startete ihre Schulklasse zu einer 5-tägigen Klassenfahrt. Es war auch der Geburtstag ihres Papas. Der Abschied fiel uns allen schon sehr schwer.

Es war das erste Mal, dass Julia ohne ihre Eltern mehrere Tage verreiste. Aber wir waren uns auch bewusst, dass man die Kinder loslassen muss, damit sie im späteren Leben zurechtkommen. Julia litt sehr unter dieser Trennung und weinte oft, besonders am Abend. Einmal bat sie eine begleitende Mutter darum, dass wir angerufen werden sollten um sie abzuholen. Uns erreichte diese Bitte nicht aber wir erfuhren später davon. Man sagte uns nur am vorletzten Tag, dass sie Heimweh hätte. Später hieß es seitens der Schule, viele Kinder hätten Heimweh und dagegen helfen oft von der Lehrerin mitgenommene Heimwehtropfen (Wasser). Oft mache ich mir heute Vorwürfe, dass ich nicht, wie all in den Jahren zuvor, wieder als Begleitperson mitgefahren bin. Aber man muss sein Kind doch auch loslassen... sie müssen doch auch mal ohne ihre Eltern im Leben zurechtkommen... nicht ständig da sein. Wir haben es ihr erklärt und sie hatte sich damit abgefunden. Später sagte sie:"... ich habe oft an euch gedacht... ich habe euch immer vor einer weißen Wand gesehen... jetzt weiß ich auch, was für liebe Eltern ich habe."  Heute kommt es uns vor, als hätte der Abschied schon am 23. Juni 2003 begonnen. Von da an hatte sie noch genau 16 Tage zu leben.


Es war am 8 Juli dem Vorabend bevor sie sterben würde. Um 18 Uhr war wieder Fernsehen incl. Abendbrot angesagt. Gegen 20 Uhr ging sie zu Bett. Nicht ohne wieder ein feuchtes Läppchen ins Bett zu schmuggeln. Das hatte sie sich in der Vergangenheit öfter angewöhnt. Meistens versuchte sie bewusst das blaue Kühlkissen zu bekommen, und wenn sie sich dazu vorher "irgendwo" gestoßen hatte. Sie hörte sich eine Seite der Kassette von Bibi und Tina an, bevor sie dann inmitten ihrer Kuscheltiere einschlief. Gegen 21:30 rief Julia und sagte: "Daddy, ich habe gerade etwas sehr Schlechtes geträumt und kann nun nicht mehr einschlafen."



Ich legte mich zu ihr: "Erzähle mir, was du geträumt hast." Julia: "Also, wir waren wohl auf dem Campingplatz und wollten losfahren. Dann bekam ich die Türe nicht auf und ihr seid einfach ohne mich weggefahren". Meine Antwort darauf:" So etwas würde in Wirklichkeit nie passieren, so einen Quatsch kann man nur träumen. Manchmal erlebt man etwas und die Träume helfen einem dabei, dass man wieder klarer denken kann."   Nach ein paar Streicheleinheiten ist Julia dann beruhigt eingeschlafen. Wir vermuteten, dass dieser Traum im Zusammenhang mit der kürzlich stattgefundenen Klassenfahrt stand. Schließlich war Julia dort, wie bereits geschildert, eines der Heimwehkinder.

Dann kam der 9 Juli 2003. Julias Wecker hatte, wie öfter in letzter Zeit schon um 6 Uhr geklingelt. Sie machte ihn dann aus, um noch ein wenig weiter schlafen zu können. Wir standen dann kurz danach auf, um das Frühstück vorzubereiten.

 

Alles war scheinbar so wie immer an diesem Mittwochmorgen. Aber es sollte ein schrecklicher Tag werden. Es entwickelte sich dann der alltägliche Dialog zwischen einem Vater und seiner Tochter:

 

6:30: Papa: "Julia, du musst langsam aufstehen, heute ist Mittwoch und nur ein ganz normaler Tag." Julia: "Das stimmt nicht Papa, heute ist Mittwoch, ein Tag vor Donnerstag und an dem fahren wir doch zu Rosemaries Geburtstag nach Horumersiel." Papa: "Das stimmt Julia, aber stehe bitte jetzt auf, damit wir in Ruhe frühstücken können."

Im Hintergrund lief wie üblich das Radio mit den Hits der Woche und wenn man nach draußen sah, konnte man sehen, dass es wieder ein sonniger Tag werden würde.

 

6:35: Papa: "Ich bin ja mal gespannt wer zuerst am Tisch sitzt," und setzte Julias Lieblingspuppe Shelly auf einen Stuhl am Frühstückstisch.
Julia: "Shelly hat zwar gewonnen, aber ich bin die Zweite," und setze sich dazu. Papa: "Dann bin ich Dritter, und Mama ist mal wieder die Letzte." (Weil sie ja wie jeden Morgen das Frühstück gemacht hatte).

Im allgemeinen wurde beim Frühstück immer geplaudert, während jeder damit beschäftigt war sein Toast oder die Brotschnitten zu belegen. Julia machte manchmal daraus eine Wissenschaft, in dem sie versuchte mit Hilfe von Nutella, Marmelade und Honig ein ganz besonderes Dekor auf das jeweilige Brötchen zu zaubern um dann anschließend zufrieden und voller Genuss hinein zu beißen.

 

6:45: Mama: "Julia, weißt du eigentlich was heute für ein besonderer Tag ist? Heute vor 22 Jahren, am 9. Juli 1981, haben sich Mama und Papa kennen gelernt. Wenn das nicht geschehen wäre, gäbe es dich gar nicht."
Julia etwas betroffen: "Hättet ihr mir dies nicht schon einen Tag früher sagen können, dann hätte ich noch etwas gemalt?"

 

 

 

 

6:50: Papa: "Julia, ich gehe jetzt noch ins Bad und rufe dich sofort wenn ich fertig bin." Julia zur Mama: "Schade, dass wir nur eine Toilette haben."

Laut und vernehmlich war Julias Stimme noch im Bad zu hören, die sicherlich gerade mal wieder ihrer Mama was ganz „wichtiges“ zu sagen hatte. Sie konnte schon am frühen Morgen fröhlich sein und losplaudern. Der Begriff Morgenmuffel traf auf sie überhaupt nicht zu. Sie freute sich immer schon auf alles und wenn nichts bevor stand, konnte sie sich stundenlang selber beschäftigen. Da wurde dann gebastelt, gespielt oder auch getanzt, manchmal noch vor dem Schulbeginn.

 

6:58 Papa:"Julia, das Bad ist frei!"  

Sie kam fröhlich angelaufen(weil sie immer lief) und ihr Papa hörte nur noch ihre Schritte ohne sie zu sehen und dann..................... dann ging die Toilettentüre ZU.

 

7:01: Im Schlafzimmer vernahmen wir beim Ankleiden Geräusche,  die sich aber nicht viel anders anhörten wie sonst auch. Wie konnten wir ahnen, dass gerade das Herz unserer Tochter stehen geblieben und sie bewusstlos zu Boden geglitten war.

 

7:03: Papa rief: "Julia, höre auf zu spielen und siehe zu, dass du fertig wirst."

Weil von ihr keine Antwort kam sah ich im Bad nach. Dort lag sie vor der Toilette und atmete nur noch ganz schwach und ihre Augen waren halb geschlossen. Ohne die Situation in voller Tragik zu begreifen rief ich: "Julia, bitte stehe doch auf und erschrecke deinen Papa nicht so."

Dagmar kam dazu gerannt und rief nur ihren Namen und schrie nach dem Notarzt. Anruf an den Notarzt ......anschließend bei unseren Nachbarn geschellt. Julia wurde von uns gemeinsam aus dem Bad hinausgetragen und in den Flur gelegt.

7:05: Dagmar versucht unter Anleitung eines Nachbarn eine Mund-zu-Mund-Beatmung, jedoch ohne jeden Erfolg.

 7:10: Der Notarztwagen traf ein. Ein weiterer trifft kurz danach ein. Ingesamt kämpften nun 6 Personen um Julias Überleben.

7:30: Der Notarzt fragte, wann wir sie gefunden hätten und meinte noch, dass es sehr schlecht um sie stünde. Zu 99,1 % würde sie nicht überleben. Sie würden Julia jetzt in das Krankenhaus fahren. Aber das Gehirn hätte seit 30 Minuten keinen Sauerstoff bekommen.

 7:50: Bevor man sie wegbrachte, warfen wir noch einen Blick aus dem Fenster auf sie. Sie sah aus als ob sie schlief, während einer der Notärzte mit heftigen Stößen immer noch versuchte ihr Herz zu aktivieren. Wie wir sie so nackt auf der Trage liegen sahen, begriffen wir allmählich, dass es ein Abschied für immer sein würde,

.............. UNSERE JULIA STIRBT !

 

 

8:40: Trotz Versuche zahlreicher Ärzte gelang es ihnen nicht Julia ins Leben zurückzurufen. Die Geräte im Krankenhaus Martfeld wurden abgeschaltet.

9:00: Mit Freunden fuhren wir gemeinsam ins Krankenhaus. Ein Arzt informierte uns darüber, dass Julia soeben gestorben war. Ihm sagten wir, dass wir sie noch einmal sehen wollen. Nach einer kurzen Zeit konnten wir zu ihr. Sie lag da, fast so als ob sie schliefe. Nur ihre trüben Augen zeigten uns, dass sie tot war. Ihr Gesicht war immer noch wunderschön, aber die Kälte ihres Körpers war schon zu spüren Ihre Haut war ganz glatt und weich und ihre Lippen schneeweiß. Unter Tränen nahmen wir Abschied von unserer über alles geliebten Julia, streichelten und küssten sie lange und

immer wieder.

Beim Hinausgehen warfen wir noch einmal einen Blick auf sie, der letzte, dies war uns in diesem Moment schon bewusst. Draußen, auf dem Gang, säumten einige Schwestern und Ärzte den Weg. Einige davon weinten ungehemmt. Darunter war auch eine Polizistin mit einem Kollegen, der sie tröstete, wie uns unsere Freundin später erzählte. Sie hatten die Aufgabe, Julias Körper für eine etwaige Untersuchung sicherzustellen. Der Kollege sagte uns auch, dass gleich, wenn wir wieder Zuhause sein würden, die Kripo käme um uns einige Fragen zu stellen. Uns war das völlig gleichgültig was nun noch geschehen würde,  ..... zu tief waren wir an

 diesem Mittwochmorgen schon gefallen.

Wie angekündigt, suchten uns eine Stunde später drei Personen auf und stellten sich als zwei Kripobeamte mit einem Seelsorger vor. Zu dieser Zeit wussten wir noch nicht, dass es der für uns zuständige Pastor war. Geduldig und fast gleichgültig ließen wir die Fragen der Kripobeamten über uns ergehen. Sie machten ja auch nur ihre Arbeit. Nach einer Weile äußerten sie, dass ihrer Meinung nach kein Fremdverschulden vorliegen würde Wir könnten nun ein Beerdigungsinstitut benachrichtigen, damit Julias Körper aus dem Krankenhaus abgeholt würde. Zuvor stellte er noch die Frage, ob wir eine Obduktion wünschen würden, damit die Todesursache geklärt würde. Spontan äußerten wir die Bitte, an Julias Körper nicht auch noch "herumzuschnibbeln"... sie wäre ja sowieso schon tot. Unser Pastor bat um eine Bedenkzeit von 1-2 Stunden, damit wir uns die Entscheidung noch in aller Ruhe überlegen könnten. Im anschließenden Gespräch tauchte immer wieder die Frage nach dem ......WARUM ......auf.

Der Kripobeamte rief an, um uns zu sagen, dass er noch einmal vorbeikommen würde. Dann teilte er uns persönlich mit, dass die Staatsanwaltschaft Julias Körper nicht freigegeben, sondern eine Obduktion in Dortmund angeordnet hätte. Damit würden wir auch später über die Todesursache Bescheid bekommen. Man hatte uns damit eine für uns schwierige Entscheidung abgenommen. Wir beauftragten dann das Beerdigungsunternehmen mit der gesamten Abwicklung. Mit dem Pastor hatten wir zwischenzeitlich über vieles gesprochen was uns in diesen Stunden bewegte und uns in den nächsten Tagen noch bevorstehen würde. Am Nachmittag rief uns der Herr von der Kripo an, um uns das Obduktionsergebnis mitzuteilen. Die Todesursache war ein plötzlicher Herzstillstand, ausgelöst durch eine Herzmuskelentzündung die wiederum durch eine Infektion, z. Bsp. Angina, hervorgerufen wurde Wir zogen uns ins Schlafzimmer zurück, weinten hemmungslos und versuchten zu begreifen was geschehen war.

Auch die Frage nach dem Sinn des Lebens ohne unsere Tochter Julia, stellten wir uns und danach noch oft in den nächsten Tagen und Wochen. Die Nachbarn sahen an diesem Tag öfter nach uns und brachten uns etwas zu Essen mit. Es wurde noch der ärztliche Notdienst angerufen, damit der Arzt uns eine Beruhigungsspritze geben sollte. Früh gingen wir zu Bett, aber an Schlaf war nicht zu denken. Dagmar nahm alle 2 Stunden ein Beruhigungsmedikament und schlief trotzdem nicht ein. Ein nicht enden wollender Alptraum hatte nun begonnen,

 

          ........... DIE ZEIT OHNE UNSER KIND!!!

 

 



 Julia..... wir vermissen DICH so sehr!!!!
DU hast es uns leicht gemacht dich so zu lieben.



Ein Brief, geschmückt mit einer Rose, beschrieb die Gefühle einer türkischen Mitschülerin, Tülay, so:

Es lebte ein schönes Mädchen sie war unsere beste Freundin der Klasse 3c. Sie war vielleicht 8 oder 9 Jahre alt. Sie war sehr lieb.
An einem Tag der 9.07.2003 der Mittwoch sie war tot, wir glaubten das ist ein Scherz aber das war kein Scherz.
Da waren wir sehr traurig. Das glaubten wir nicht.
Sie hieß Julia.
          

                                                       

                      

 

 

 

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